Mit dem Zweiten sieht man weniger

Diese Woche veranstalteten ZDF, ARD und Kirchen eine Jugendmedienschutztagung. Ich war nach Mainz eingeladen, um mit Prof. Dr. Wolfgang Schulz über „gesetzliche Verbote“ zu diskutieren. Für alle Teilnehmer der Veranstaltung wurde das ZDF-WLAN geöffnet. Wie sich herausstellte, ist dieses öffentlich-rechtliche Internet gefiltert und der Medienpädagoge Jürgen Ertelt machte mich darauf aufmerksam, dass auch mein Blog gesperrt wird. Bei Aufruf kommt folgender Hinweis:

Liebe Kollegin, lieber Kollege,

das ZDF ermöglicht seinen Mitarbeitern den Zugriff auf Internet-Seiten mit ZDF-Systemen. Dieser Zugang zum Internet wird durch eine Software geschützt. Die Software sucht nach speziellen Stichwörtern in verschiedenen Kategorien und meldet Seitenaufrufe, die diese Stichwörter enthalten. Ihr Rechnersystem hat versucht, auf eine dieser Seiten zuzugreifen…

Am Abend sprach ich bei einem Glas Wein mit dem ZDF-Jugendschutzbeauftragten Dr. Gunnar Krone und er sagte mir die Entsperrung zu. Den 3.600 ZDF-Mitarbeitern konnte also geholfen werden. Es reicht wohl noch nicht, dass die Berliner Bibliotheken sperren.

6 Gedanken zu „Mit dem Zweiten sieht man weniger

  1. Cybaer

    Och, die Heidelberger Stadtbücherei hängt am Netz der Stadt Heidelberg. Da war der Zugriff aufs Blog auch seit je gesperrt.

    Vor kurzem hat man den Anbieter der Filtersoftware geändert, und seitdem dürfen auch die Bediensteten von Heidelberg und die Benutzer der städtischen Bücherei den Pornoanwalt lesen …

    Auch das, vermutlich ebenfalls „gefährliche“ Blog des amerikanischen Sexualtherapeuten Dr. Marty Klein, http://sexualintelligence.wordpress.com , ist nun hier verfügbar.

    Ist halt blöde, wenn man erstmal alles sperrt, was „porno“ oder „sex“ im URL hat (wie z.B. Wikipediaartikel über Sextanten, Sextette, etc.).

    PS: Als Webmaster eines wissenschaftlichen Verlages hatte ich seinerzeit den Inhalt der Verlagswebsite klassifiziert (PICS Rating – ähnlich dem, was die „Jugendschützer“ hierzulande ja generell verpflichtend auch einführen möchten). Und bei einem wissenschaftlichen Verlag kann es auch schon mal um Themen wie Sexualität oder Tierversuche gehen. Das Ergebnis war, daß Kollegen von anderen Verlagen nicht mehr auf die Seiten kamen, weil deren Filter in der Standardeinstellung solche „anstößigen“ Inhalte blockierten. Offensichtlich orientiert sich der Standard mancher hierzulande angebotener Filtersoftware an den Empfindsamkeiten der iranischen Mullah-„Kultur“, bzw. dem „Moral“-Verständnis amerikanischer Evangelikaler …

    Und weil sich ja ohnehin keiner mit diesem komischen Interdingens auskennt, aus dem ja bekanntlich sowieso alles Böse dieser Welt auf die manipulierbaren Gehirne der unfreiwilligen Nutzer einströmt, sind öffentliche Internetzugänge halt sicherlich sehr oft ein beredtes Zeugnis der Dummheit und/oder Ignoranz mancher Verwaltungsbeamten bzw. -angestellten.

  2. Sean

    Dazu passt, was ich gestern irgenwo las: Facebook zensiert u.a. auch anstößig klingende Ortsnamen. Ein Frau aus dem irischen Ort Effing (nahe Limerick) kann ihr Heimatstädtchen nicht als solches angeben. Effing ist im englischsprachigen Raum eine Verballhornung von ‚F-ing‘ und wird oft genutzt, wenn man das eigentliche Wort nicht aussprechen, aber doch eine gewisse Schärfe in seiner Formulierung behalten will. Facebook schaltet auf stur und stellt sich auf den Standpunkt, die Frau könne ja Limerick als Heimatort angeben. Das wiederum kommt für die Frau gar nicht in die Tüte: «I’m a proud Effing woman!»
    Die Bewohner von Fucking in Österreich dürften das Problem auch kennen.

  3. irrata

    Ich will mich ja nicht aufdrängen, aber du hast Brüste im Header. Das läuft bei mir unter NSFW.

  4. Pornoanwalt Beitragsautor

    @irrata

    Ja, über „SFW“ versus „NSFW“ können viele Diskussionen geführt werden. Aber mir geht es weniger um sittliche Grenzen und den eigenen kleinen Blog, sondern um grundsätzliche Fragen: Was bekommen (volljährige!) Mitarbeiter einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt im Internet zu sehen? Wer erstellt die Filterlisten und welche Websites werden nach welchen Kriterien in diese Filterlisten aufgenommen? Wie können Redakteure einen unabhängigen Journalismus praktizieren, wenn die Recherchefreiheit eingeschränkt wird?

    Gruß, Pornoanwalt

    PS: Wenn die ZDF-Mitarbeiter keine Brüste sehen dürfen, dann müssten auch Wikipedia und ARTE gesperrt werden. Um nur mal zwei Beispiele zu nennen:
    http://www.pornoanwalt.de/?p=3050
    http://www.pornoanwalt.de/?p=5683

  5. Pingback: Mit dem Zweiten sieht man zensiert : Burks' Blog

  6. Cybaer

    @Pornoanwalt:

    Absolut berechtigte Frage. Aber neben der beruflich-investigativen Seite kann man sich natürlich auch generell fragen, inwieweit es bezeichnend ist, wenn man erwachsenen Menschen, deren Beruf mehr oder eben auch weniger mit Medien zu tun hat, eine sinnvolle, eigenverantwortliche Mediennutzung gar nicht zutraut.

    Und was die Bibliotheken angeht: Daß die städtischen Beamten und Angestellten sich anscheinend nicht unter Kontrolle haben, und man deswegen (vermeintlich) „böse“ Seiten sperren muß, ist das eine (wobei: mir persönlich ist es ja egal, ob die während der Arbeitszeit Porno-Sites anschauen oder den Versandhauskatalog – und in ihrer Pause ist’s erst recht egal). Wenn sich das aber auch auf die Bibliotheken auswirkt, ist es IMHO einfach peinlich. Ein paar Schritte ans Regal, und u.a. Fotobildbände mit Nacktbildern liegen im Dutzend auf meinem Tisch. Da können sogar Kinder dran! =;->

    @Sean:
    Auch sehr schön sind Foren/Plattformen, wo es offiziell auch um Themen wie „Sexualität“ geht, und dann Begriffe wie „Orgasmus“ nicht verwendet werden dürfen (s. z.B. gutefrage.net). Nun ja, hoch lebe der „Höhepunkt“, oder der „0rgasmus“ (mit Null) oder der „Ohrgasmus“ oder der „O rgasmus“ oder der „Órgasmus“, oder was sich die User sonst noch so einfallen lassen, weil so ein Filter zwar gern genutzt wird, aber selten gut ist …

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